Samstag, 11. September 2010

Unfruchtbarkeit im Bewusstsein der Bevölkerung

Eigentlich ist der Titel schon total daneben, denn dieses Thema gibt es in der Bevölkerung gar nicht. Wir wachsen mit der Annahme auf, dass wir sofort bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr schwanger werden und wir dies unter allen Umständen vermeiden sollten, wenn wir nicht jedes Jahr werfen wollen. Also schlucken wir die Pille und ziehen Gummis aus Automaten und messen die Temperatur und all dieser Quatsch, um bloß kein ungewolltes Kind zu bekommen.

Wir glauben, dass wir sofort schwanger werden, wenn wir die Pille absetzen. Und bei den meisten Frauen gelingt dies auch nach wenigen Monaten. Manche müssen ein wenig länger warten, bis es klappt. Und manche warten vergeblich.

Erst dann beginnt man sich mit diesem Thema zu beschäftigen. In Deutschland sind etwa 17% der zeugungswilligen Paare betroffen. Die Ursachen sind vielfältig. Bekannt ist wohl, dass manche Männer zu wenig Spermien produzieren. Dass es aber auch Azoospermie gibt, dass im Ejakulat also nicht ein einziger Schwimmer zu finden ist, davon haben wohl die wenigsten schon etwas gehört. Und dann kann einem die Medizin auch nicht weiterhelfen.

Auch bei der Frau gibt es eine Fülle von Ursachen. Z.B. Endometriose, PCO, Chlamydien und viele andere Gründe für Unfruchtbarkeit gibt es, von denen man wohl noch nie etwas gehört hat, es sei denn man ist selbst betroffen.

Eigentlich ist es traurig. Diese Ignoranz der Gesellschaft führt dazu, dass Betroffene lieber schweigen. Männer vielleicht, weil sie glauben, nicht als ganzer Mann angesehen zu werden, wenn sie zeugungsunfähig sind. Die Gründe von Frauen dürften ähnlich liegen.

Und wenn man dann doch mal aus sich raus geht und jemandem erzählt, dass man keine Kinder bekommen kann, dann bekommt man so blödsinnige Ratschläge, wie

- "Macht doch mal Urlaub und entspannt euch. Sonst kann das ja nichts werden!"

- "Trink doch diesen Kindlein-Komm-Tee, bei meiner Bekannten XYZ hat das auch gewirkt und sie war sofort schwanger."

- "Stell dich doch nach dem Sex auf den Kopf, damit die Schwimmer es nicht so schwer haben."

Gutgemeint, aber völlig daneben. Denn wenn es keine Schwimmerchen gibt oder die Frau langsam in die Wechseljahre kommt, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass man einen Secher im Lotto hat, als dass man schwanger wird. Und dieses Bewusstsein fehlt den meisten Leuten.

Warum werde ich nicht schwanger?

Erst einmal muss die Frau einen Eisprung haben. Um den Eisprung herum sind die sogenannten fruchtbaren Tagen, und nur wenn man an diesen Tagen Sex hat, kann sie überhaupt schwanger werden. An allen anderen Tagen kann man rumturnen, soviel man will, da wird nichts draus.

Zweite Hürde: Dann muss der Mann genügend Spermien im Ejakulat haben. 20 Millionen pro Milliliter sind normal. Mit 5 Millionen könnte es sein, dass man vielleicht in ein paar Jahren irgendwann mal schwanger wird. Aber wenn die Zahl noch weiter nach unten geht, dann klappt das auch in 100 Jahren nicht!!! Auch nicht, wenn man sich im Urlaub teetrinkend auf den Kopf stellt.

Dritte Hürde: Die Schwimmerchen erreichen im Eileiter die Eizelle. Vorrausgesetzt der Eileiter ist durchlässig, denn gerade bei Endo-Patientinnen kommt es häufiger vor, dass diese völlig verklebt sind.

Vierte Hürde: Ein Spermium muss in die Eizelle eindringen. Das ist auch nicht so einfach. Leider finde ich den Artikel nicht, aber ich glaube ich habe mal gelesen, dass viele (ca. 100) Spermien überhaupt notwendig sind, damit eines in die Eizelle eindringen kann. Soweit ich mich erinnere, sondern die Köpfe der Schwimmer eine Substanz ab, die die Eihülle durchlässig macht. Es stimmt also schonmal nicht, dass theoretisch ein einziges Spermium ausreichen würde, um eine Schwangerschaft herbeizuführen.

Soweit hat das der Durchschnittsmensch vermutlich auch schon mal gehört und so weiter. Und ab diesem Punkt glauben die meisten, dass dann ein Automatismus abläuft: Ist das Spermium in der Eizelle, ist frau schwanger. Aber auch dem ist nicht so.

Fünfte Hürde: Die Eizelle muss nun befruchtet werden. Bei diesem komplizierten Vorgang kann einiges schiefgehen. Schließlich müssen 46 Chromosomenpaare gemixt und wieder auseinanderklamüsert werden. Der bekannteste Fehler, der hierbei auftreten kann, ist das Down-Syndrom, auch Triomie 21 genannt, da das 21. Chromosom bei diesen Menschen dreifach vorkommt. Da diese Kinder lebensfähig sind und in Deutschland etwa jedes 500. - 800. Kind mit diesem Gendefekt zur Welt kommt, kennt wohl jeder einen Menschen mit Down-Syndrom. Die meisten anderen Gendefekte werden von der Natur aber nicht toleriert und die Eizelle wird sich nach Befruchtung nicht teilen. Vielleicht auch ein Glück, wer weiß, welche Monster wir sonst gebähren würden...

Sechste Hürde: Die befruchtete Eizelle muss sich anfangen zu teilen. Auch dies gelingt nicht jeder Eizelle und hängt sicherlich stark davon ab, wie gut der Verschmelzungsvorgang geglückt ist. Teilt sie sich nicht, wird die Frau völlig normal ihre Periode bekommen und niemals auf die Idee kommen, dass sich eine befruchtete Eizelle in ihrem Körper befunden hat.

Siebte Hürde: Der Mehrzeller muss sich einnisten. Dazu muss zum einen die Gebärmutterschleimhaut genügend aufgebaut sein. Zum anderen muss er stark genug sein, um aus der Eihülle schlüpfen zu können. Ah, spätestens jetzt sagt der eine oder andere wohl, dass er davon noch nie etwas gehört hat. In der Kinderwunschbehandlung kann dem nachgeholfen werden. Die Methode heißt Assissted Hatching, wird aber nicht von allen Kliniken praktiziert. Einer der Gründe ist wohl auch, dass eine Schwangerschaft mit einem Mehrzeller, der den Schlüpfvorgang nicht aus eigener Kraft bewerkstelligen kann, nicht erwünscht ist, da eventuell höhere Fehlbildungsraten erwartet werden könnten, denke ich.

Achte Hürde: Gut, der Mehrzeller ist geschlüpft und macht es sich auf der Gebärmutterschleimhaut bequem. Doch auch hier muss er es schaffen, sich einzunisten. Dies ist ebenfalls ein komplizierter Vorgang, denn zum einen muss das Immunsystem der Frau verstehen, dass es sich hierbei nicht um einen Fremdkörper handelt, den es zu attackieren gilt.

Neunte Hürde: Letztendlich ist dieses Wesen ein Parasit, der mit Nährstoffen versorgt werden will. Also muss es etwas davon abzapfen. Wenn dies gelingt, dann entwickelt sich daraus langsam ein Embryo. Doch oft klappt das nicht, der Zellhaufen stirbt ab und es kommt zu einer verspäteten und etwas stärkeren Blutung. Selbst hier ist vielen Frauen gar nicht bewusst, dass sie bereits ein wenig schwanger waren. Wobei wir wieder bei dem Thema wären, dass ich den Spruch "Ein bisschen schwanger gibt es nicht!" absolut bescheuert finde und ihn wohl auch nur von Leuten zu hören kriege, die im Urlaub teetrinkend Kopfstände machen. Aber darüber hatte ich mich bereits ausgelassen.

Zehnte Hürde: Die ersten 12 Schwangerschaftswochen. Eigentlich sind es nur 10, denn man rechnet immer ab dem ersten Tag der letzten Blutung, dabei ist der Eisprung erst ungefähr zwei Wochen später. Und dann dauert es noch einige Tage, bis sich die befruchtete Eizelle einnistet. Aber egal, nehmen wir den medizinischen Rechenweg und sagen 12. Woche. Innerhalb dieser Zeit kommt es häufig zu Frühaborten. Deshalb sollte man seinem Arbeitgeber auch erst danach erzählen, dass man ein Kind erwartet, denn es ist schon blöd, wenn man dann einen Abort hat und der Arbeitgeber weiß, dass man gerade bastelt. Die Ursachen sind auch hier vielfältig: Abstoßungsreaktionen der Frau, Gendefekte, Hormonstörungen etc.

Elfte Hürde: Hat man die ersten 12 Wochen überstanden, und damit auch die Übelkeit und die Hormonumstellung, kann man schon fast von einer stabilen Schwangerschaft reden. Doch auch das ist ein Trugschluss. Denn die weiteren 12 Wochen bis zur 24. Schwangerschaftswoche ist das Baby außerhalb des Mutterleibes nicht überlebensfähig. Sollte es in dieser Zeit also zu Blutungen kommen oder anderen Komplikationen, könnte es sein, dass man das Baby verliert und es zu einer Fehlgeburt kommt.

Zwölfte Hürde: Ab der 23./24. Schwangerschaftswoche haben Ärzte schon Frühchen durchgebracht. Aber es besteht erhebliche Gefahr für bleibende Schäden. Wünschenswert ist es nicht, dass die Babys schon derart früh auf die Welt kommen. Aber bei Zwillingen ist einer sehr viel längere Schwangerschaft manchmal nicht möglich. Und es gibt auch noch jede Menge andere Gründe, wieso es zu einer Frühgeburt kommen kann: Infektionen, Schwangerschaftsvergiftung (Gestose), Schwangerschaftsdiabetes, Plazentaablösung, Toxoplasmose, Listeriose etc. pp.

Dreizehnte Hürde: Ab der 36. Schwangerschaftswoche ist das Baby schon vollkommen entwickelt und legt die letzten vier Wochen nur noch an Gewicht zu. Nun muss es nur noch auf die Welt kommen. In unseren Breiten gelingt dies in 97% der Fälle problemlos, wobei hier die Kaiserschnitte auch mit eingerechnet sind. Aber man glaubt es kaum, auch bei uns kann es zu erheblichen Komplikationen kommen, die sogar zum Tode des Säuglings und manchmal auch zum Tode der Mutter führen können. Glücklicherweise ist dies jedoch äußerst selten.

Vierzehnte Hürde: Das Baby ist gesund und die Mutter wohlauf. Doch dann kommt das gefürchtete erste Jahr, in dem es zum plötzlichen Kindstod kommen kann. Wir tun alles dagegen, betten die Babys nicht auf dem Bauch und nicht auf Matratzen mit Kokoskern. Trotzdem kann das passieren.

Fünfzehnte Hürde: Hier möchte ich Schluss machen, denn wenn man es bis zum ersten Geburtstag des Kindes geschafft hat, dann kann eigentlich kaum noch etwas passieren. Unfälle und Krankheiten gibt es überall auf der Welt und bedrohen nicht nur Kinder, sondern auch uns Erwachsene. So ist eben das Leben.

So, und der nächste, der mir rät, mich auf den Kopf zu stellen, dem reiße ich denselben ab. Oder wisst ihr eine bessere Methode, um den Leuten klar zu machen, dass Fruchtbarkeit nichts selbstverständliches ist?

6 x mitgedacht:

_mathilda_ hat gesagt…

Im Bewusstsein der Bevölkerung scheint es nur eine zulässige Art zu geben, sein Leben voranzutreiben: durch Vermehrung. Kinderlosigkeit, egal ob gewollt oder ungewollt, scheint ein Entwurf zu sein, der für die meisten nicht verständlich ist.

Ich kenne die Ungläubigkeit und die Ablehnung der Menschen, wenn ich mich dazu bekenne, keine Kinder zu wollen. Definitiv keine eigenen, aber ich bin auch glücklich, wenn ich ganz generell keine Kinder großziehen werde. Wenn ich mal "Beutekinder" machen sollte, indem ich jemanden kennenlerne, der welche hat, dann ist das ok, dann werden wir Mittel und Wege finden. Solange ich es verhindern kann, möchte ich aber keine. Und diese Einstellung verstehen die Leute nicht. Zum Teil kann ich also wohl nachvollziehen, wie es dir gehen muss, auch es sicher wesentlich leichter ist, mit der Ablehnung eines selbstgewählten Lebensentwurfs durch andere klarzukommen, als von den Menschen für etwas, das einen selber belastet, auch noch abschätzig behandelt zu werden. Immer, wenn ich von jemandem erfahre, dass er Kinder möchte, aber keine bekommen kann, dann blutet mir für diese Menschen das Herz. Es ist nicht das, was ich möchte, aber ich kann verstehen, wie schlimm es ist, wenn man was möchte, und es nicht geht. Und das sind die Situationen, in denen ich meine Einstellung auch hinterfrage und ein kleines bisschen Schuldgefühle habe, weil ich ja sehr froh wäre, wenn die Bürde der Fruchtbarkeit von mir genommen werden würde. Könnte man tauschen - ich würde meine (vermutete) Fruchtbarkeit bedenkenlos tradieren.

Leben ist ein Wunder, und dass die so komplexe Entstehung eines neuen Lebewesens in der heutigen Zeit immer schwieriger wird, wundert mich nicht. Es gibt so viele äußere Einflüsse, die das fragile Gleichgewicht stören können. Nichts destotrotz gibt es ja auch immer noch Massen an ungewollten Schwangerschaften. Und das macht mich irgendwie wütend auf das Universum oder das Schicksal oder was auch immer: warum sind gewisse Dinge so ungleich verteilt?

Am Ende dieser Gedankensammlung möchte ich noch danke sagen für die tollen Infos, denn einiges davon wusste ich auch noch nicht.

Und natürlich begleiten Dich/Euch weiterhin meine besten Wünsche - ich würd mich freuen, wenn sich bald etwas positiveres hier einfinden würde.

Herr MiM hat gesagt…

Für mich als Kerl, der sich nicht einmal ansatzweise bisher mit diesem Thema auseinander gesetzt hat, war das wirklich interessant zu lesen.

Dafür Danke.

Bringt ein wenig ein anderes Licht, auf einiges, das gerade um mich herum passiert.

Sandra denkt hat gesagt…

Keine Kinder zu wollen ist zumindest etwas, das sich in der heutigen Zeit relativ einfach umsetzen lässt.

Ich finde, dass jede Art der Lebensplanung, die auf Glück oder sonstige zufällige Ereignisse beruht, schwierig und ungerecht ist.

Und Leuten, die glauben, dass wir alle unser Schicksal selbst in der Hand haben, möchte ich manchmal die Krawatte oder die Ballerinas oder was sonst so greifbar ist, in den Hals stopfen ;-)

Sandra denkt hat gesagt…

Wenn ich zurückdenke, wie ich damals meine beiden Jungs bekommen habe:

- Frühabort in der 6. Schwangerschaftswoche nach 4 Monaten ungeschütztem Verkehr

- nach 3 weiteren Monaten schwanger

- Frühgeburt in der 27. Schwangerschaftswoche, glücklicherweise ohne nennenswerte gesundheitliche Schäden

- Frühabort in der 5. Schwangerschaftswoche nach 2 Monaten ungeschütztem Verkehr

- nach 2 weiteren Monaten schwanger

- diesmal ging alles gut, spontane, unkomplizierte Geburt in der 38. Schwangerschaftswoche

Abenteuer Kind eben.

Vanilla hat gesagt…

Es ist eine Sache kein Kind zu wollen und eine ganz andere, keins bekommen zu können. Interessant zu lesen, wie kompliziert doch so manches ist, was so einfach scheint. Ungerecht verteilt ist so manches, bei mir hat sich über die Jahre festgesetzt, dass Menschen die lieber keine Kinder bekommen sollten überdurchschnittlich oft schwanger werden, während andere, die sich wirklich gut um ihre Kinder kümmern würden, keine bekommen können, sich ein Bein ausreißen und auf dem Kopf stehend Tee trinken.

chiefjudy hat gesagt…

Danke für diesen Artikel, leider kenne ich aus dem eigenen Umfeld ähnliche Problematik nur zu gut (und weiß daher auch ziemlich genau bescheid um diese ganzen Hürden).
Meine Schwester und ich, wir haben uns schon oft unterhalten und wundern uns immer wieder, daß Angesichts dieser ganzen Komplikatonsmöglichkeiten die Menschheit nicht schon längst
ausgestorben ist.

Und das mit der Gerechtigkeit - da kann ich mich vanilla nur anschließen: Das selbe hat sich bei mir auch festgesetzt. Die, die es besser lassen sollte bekommen eins nach dem anderen, und die, denen es wirklich zu wünschen wäre, die gucken in die Röhre.

Das mit dem Tee muß ich mal vorschlagen/versuchen^^

Just kidding ;)